Wofür stehst du morgens auf?
Was die Blue-Zones über Lebenssinn, Zugehörigkeit und Burnout-Prävention verraten

Was haben die ältesten Menschen der Welt gemeinsam?
Ein bekanntes Beispiel ist der gebürtige Grieche Stamatis Moraitis, der in den 1970er-Jahren in den USA lebte. Im Alter von über 60 Jahren wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert, und die behandelnden Ärzte gaben ihm nur noch wenige Monate zu leben.
Moraitis beschloss, gemeinsam mit seiner Frau auf seine Geburtsinsel Ikaria zurückzukehren, um dort im Kreis seiner Familie zu sterben und auf dem Friedhof seiner Vorfahren begraben zu werden. Zurück auf Ikaria begann er, Gemüse anzubauen, obwohl er davon ausging, die Ernte nicht mehr zu erleben. Er passte sich dem langsamen Lebensrhythmus der Insel an, trank lokalen Wein und traf seine alten Freunde wieder.
Moraitis fühlte sich von Tag zu Tag besser und lebte noch drei Jahrzehnte – der Geschichte zufolge sogar völlig krebsfrei. Und das ohne Chemotherapie und andere Krebsbehandlungen. Der Überlieferung nach überlebte er sogar seine Ärzte in den USA.
Die Insel Ikaria gehört zu den sogenannten „Blue Zones“, die durch den Langlebigkeitsforscher Dan Buettner bekannt wurden. So bezeichnete er Regionen, in denen Menschen häufig sehr alt werden und dabei vergleichsweise lange gesund und aktiv bleiben. Zu den bekanntesten Blue Zones gehören Okinawa (Japan), Sardinien (Italien), Ikaria (Griechenland), die Nicoya-Halbinsel (Costa Rica) und Loma Linda (Kalifornien, USA).
Neben dem Beispiel von Stamatis Moraitis gibt es noch viele weitere Geschichten über Menschen aus den Blue Zones. Dabei spielen eine gesunde Ernährung mit Olivenöl, Bohnen, Rotwein und wenig Fleisch sowie tägliche Bewegung sicherlich eine Rolle. Vielleicht liegt das Geheimnis der Blue Zones jedoch weniger darin, was Menschen essen und wie viel sie sich bewegen – sondern vielmehr darin, wofür sie leben und mit wem sie ihr Leben teilen.
Was wäre, wenn Langlebigkeit nicht nur eine Frage von Ernährung und Bewegung wäre, sondern auch von Zugehörigkeit und Sinn?
Wie das Beispiel von Stamatis Moraitis zeigt, haben sich durch den Umzug von den USA zurück auf seine Heimatinsel Ikaria seine Lebensumstände grundlegend verändert. Wie es scheint, hat sein Leben im Kreis vertrauter Menschen und durch den Anbau von Gemüse wieder einen Sinn bekommen.
Dieser Lebenssinn, der häufig als „Purpose“ bezeichnet wird, beschreibt das persönliche „Warum“ eines Menschen. Dabei geht es nicht nur darum, was du im Leben tust und wie du es tust, sondern vor allem darum, warum du morgens aufstehst. Ein Mensch, der morgens aufsteht und weiß, warum er gebraucht wird, hat Menschen, die nach ihm fragen. Er bewegt sich im Alltag, isst mit anderen und ist Teil einer Gemeinschaft. Wer seinen Lebenssinn kennt und lebt, verspürt möglicherweise mehr Lebenszufriedenheit.
Dabei geht es nicht immer um große, weltverändernde Dinge. Oft sind es die kleinen Dinge, die uns morgens aufstehen lassen: das Gefühl, gebraucht zu werden, für die Familie da zu sein, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen oder eine Aufgabe in einer Gemeinschaft zu haben.
Der entscheidende Gedanke dabei ist: Ein Mensch braucht nicht unbedingt weniger Belastung. Er braucht einen Grund, warum sich die Belastung lohnt.
Genau diesen fehlenden Lebenssinn und ein fehlendes soziales Netzwerk beobachte ich häufig im Burnoutpräventions-Coaching.
Der Mensch ist nicht für ein isoliertes Leben gemacht. Er braucht soziale Beziehungen. Dabei geht es weniger darum, auf jeder Party zu tanzen, sondern um verlässliche Beziehungen, auf die man auch in Krisenzeiten bauen kann. In diesen Beziehungen geht es darum, als Mensch gesehen zu werden, Unterstützung zu geben und auch selbst Unterstützung zu bekommen. Beziehungen aufzubauen, kostet Zeit. Aber sie zahlen sich aus, wenn man sich vertrauensvoll austauschen kann und sowohl Freude als auch Schwierigkeiten mit Verbündeten teilen kann.
Und genau hier liegt die interessante Verbindung zum Burnout:
Isolation kann Belastung verstärken. Verbundenheit kann Belastung abfedern.
Man kann nicht behaupten, dass soziale Kontakte Burnout einfach verhindern. Dafür ist Burnout zu komplex und kann viele verschiedene Ursachen haben. Aber soziale Unterstützung und Zugehörigkeit sind relevante Schutzfaktoren.
Der moderne Widerspruch
Wir leben heute in einer Zeit, in der wir unglaublich viele Möglichkeiten haben, unser Leben und unseren Körper zu optimieren.
Ich denke dabei an verschiedene Messgeräte und Apps, die uns Auskunft darüber geben, ob wir uns ausreichend bewegt haben, wie viele Kalorien wir zu uns genommen haben, wie unser Schlaf war oder wie es um unsere Herzfrequenz steht.
Aber zwei der grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse lassen sich nicht so einfach messen:
Wofür stehe ich morgens auf und wer steht neben mir, wenn es schwierig wird?
Was bedeutet das konkret für die Burnout-Prävention?
Stärke deinen Sinn.
Reflektiere regelmäßig: „Was ist mir eigentlich wichtig?“ Verbinde deine Aufgaben mit deinen Werten. Dafür solltest du deine Werte kennen. Denn wenn du dauerhaft gegen deine eigenen Werte handelst, kann das unbewusst Stress verursachen. Pflege Tätigkeiten, die auch einen Nutzen für andere haben.
Stärke deine Beziehungen.
Vereinbare regelmäßige Treffen mit Menschen, die dir wichtig sind, anstatt es bei der Floskel „Wir sollten uns mal wieder sehen“ zu belassen. Suche dir rechtzeitig Unterstützung und nicht erst dann, wenn alles zu viel geworden ist.
Pflege deine Freundschaften auch in Zeiten, in denen du viel zu tun hast. Das ist ein besonders wichtiger Punkt. Denn viele Menschen, die in Richtung Burnout steuern, ziehen sich eher zurück und lehnen soziale Kontakte oder Telefonate zunehmend ab.
Gemeinsam mit anderen essen zu gehen oder auch zu Hause zusammen zu kochen und zu essen, ist eine gesellige Angelegenheit, die viel Kraft geben kann.
Bei all diesen Ideen gilt jedoch: Burnout-Prävention darf nicht zur nächsten Selbstoptimierungsaufgabe werden.
Denn wer erschöpft ist, braucht nicht noch weitere Dinge, die er „richtig machen“ muss. Vielmehr braucht es die Möglichkeit, wieder die eigenen Bedürfnisse zu spüren und ihnen nachzugehen.
In meinem Blog geht es deshalb weniger um die Frage, wie wir länger leben, sondern darum, wie wir sinnvoller leben.
Vielleicht ist die interessanteste Lektion der Blue Zones daher gar nicht:
„Was muss ich tun, um 100 Jahre alt zu werden?“
Sondern:
„Wie möchte ich die Jahre leben, die ich habe?“
Und darauf gibt es möglicherweise zwei besonders wichtige Antworten:
Mit einem Gefühl von Sinn.
Und mit Menschen, zu denen ich gehöre.
Möchtest du deinen Lebenssinn wiederentdecken und ein erfüllendes Leben führen?
Gerne begleite ich dich auf diesem Weg. Gib Burnout keine Chance!
Herzlichst,
Corinna Wiß
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